Remchingen (zac). Es ist eine in der Region bisher einzigartige, zukunftsweisende Wohnform, die die Diakoniestation Remchingen am kommenden Donnerstag einweiht: Mitten in Wilferdingen sind zwei neue Wohngemeinschaften für zehn unterstützungsbedürftige Menschen und gleichzeitig für vier jüngere Menschen mit Behinderung entstanden. In dem umfassend energetisch und barrierefrei sanierten „Haus Welschental“ mit großem Garten an der Wilferdinger Albstraße sollen sie ein neues Zuhause finden. Dabei haben die Senioren in den unteren drei Etagen, die Menschen mit Behinderung im Dachgeschoss eigene Wohn-, Koch- und Gemeinschaftsbereiche – gleichzeitig leben alle unter einem Dach.

Neben sollen die Menschen mit Behinderung eine Begleitung durch Fachkräfte, die Senioren Alltagsbegleitung und nachts eine Betreuung erhalten. Zusätzlich zu den Hauptamtlichen sorgen Ehrenamtliche für vielfältige Partizipationsmöglichkeiten in und rund um das Haus, das im Garten eine Boulebahn, viele Sitzmöglichkeiten samt schattigem Brunnen und Hochbeete hat. Fünf der Plätze für Unterstützungsbedürftige sowie alle vier für Menschen mit Behinderung sind bereits vergeben, das Konzept durch die Heimaufsicht genehmigt. Der Bezug ist zum Sommer geplant.  

Vor Jahren hatte der ehrenamtliche Vorstand der Diakoniestation die Vision, in allen Ortsteilen eine Wohngemeinschaft zu schaffen. Nach den positiven Erfahrungen der Nöttinger Demenz-WG bot sich in Wilferdingen die Möglichkeit, ein passendes Privathaus zu erwerben. Gleichzeitig startete das Land einen Förderaufruf für gemeinsames selbstbestimmtes, unterstütztes Zusammenleben. „Beim Beschluss 2020 hätten wir noch nicht gedacht, was das bedeutet“, blickt der Vorsitzende Karl-Heinz Stengel auf insbesondere finanzielle Herausforderungen, die die von den drei evangelischen Kirchengemeinden getragene Station jedoch nicht entmutigen konnten: „Ich staune und bin dankbar, dass Gott uns den Mut geschenkt hat, dieses herausfordernde, für die Menschen aber so wertvolle Wohnprojekt anzupacken und zu realisieren. Wir eröffnen es mit großer Freude.“ Dabei blickt er dankbar auf die Arbeit von 30 Handwerksbetrieben aus der Region, großteils aus Remchingen, die die Station im Zuge einer beschränkten Ausschreibung ausgewählt hatte.

Das „Haus Welschental“ verfügt über 580 Quadratmetern Wohn- und Nutzfläche samt Aufzug und barrierefreien Bädern. Die Fußbodenheizung erfolgt über eine Wärmepumpe, zusätzlich gibt es eine PV-Anlage auf dem Dach, wie Architekt Martin Elsässer verdeutlicht. Die lichtdurchfluteten Räume haben ein abgestimmtes Farbkonzept, auf den Gängen hängen in Wechselrahmen Fotografien des Astrophysikers Norbert Pailer mit Remchinger Wurzeln zum Thema Schöpfung, Flora und Fauna. „Die Bewohner entscheiden nicht nur den Speiseplan mit, sondern können ganz nach Möglichkeit selbst beim Kochen und im Haushalt helfen“, erklärt Annette Oeder vom Leitungsteam. „Diese Gemeinschaft bietet wieder neuen Grund, morgens aufzustehen, mitzumachen und Freude zu haben. Gleichzeitig hilft sie den Menschen mit Behinderung zur möglichen Verselbstständigung“, verdeutlicht auch Ulrich Kammerer und freut sich auf die Synergien. Neben bewussten Ruhebereichen können die Bewohner jederzeit Besucher einladen.    

Durch Erweiterungen, Umplanungen und Baukostensteigerungen schlägt das Projekt inklusive Hauserwerb mit 3,2 Millionen Euro zu Buche. Neben einem Zuschuss des Landes (625.000 Euro), der Aktion Mensch (300.000 Euro) und der Gemeinde (180.000 Euro) hat die Station ein Darlehen aufgenommen und einen Teil aus Eigenmitteln gedeckt. Für die verbleibende Summe hofft Stengel auf einen möglichen weiteren Zuschuss und Spenden. Dafür gibt es kreative Aktionen von einer Online-Aktion, die bereits einen zusätzlichen beheizten „Traumraum“ im Garten samt Tischkicker, Dart und Musikanlage ermöglichte, bis zu Geschenketischen. Durch die Betreuung rund um die Uhr rechnet die Station alleine im Personalbereich mit jährlichen Kosten von 300.000 Euro. Durch eine Gesetzeslücke sind Sozialhilfeleistungen für Bewohner solcher alternativer Wohnformen derzeit erschwert, Sozialminister Manne Lucha (Grüne) sagte bei einem Besuch vor Ort jedoch Bestrebungen für Verbesserungen zu.  

 

Ablauf am Einweihungstag

An Fronleichnam, 9. Mai, beginnt der Festgottesdienst auf der gesperrten und bestuhlten Albstraße in Wilferdingen um 10 Uhr. Die Predigt von Pfarrer Rudolf Kaltenbach umrahmen die vier Remchinger Posaunenchöre. Nach der Segnung und Schlüsselübergabe folgen Grußworte von Bürgermeisterin Julia Wieland, Abgeordneten und Handwerkern sowie ein Sektempfang. Den Tag über haben alle Interessierten die Möglichkeit zu Besichtigungen. An einem Fahrdienst Interessierte können sich bei der Diakoniestation unter Telefon 07232-36930 melden. Außerdem sucht die Station noch Haupt- und Ehrenamtliche für den Betrieb. Weitere Informationen zum Projekt und Spendenmöglichkeiten gibt es auch im Internet unter www.diakonie-remchingen.de.

 

Das sagt die Familie eines Bewohners:

Ein komplett neuer Lebensabschnitt

„Wir finden es klasse, dass sich die Diakoniestation dieser Herausforderung stellt“, freuen sich Heike Stein und Joachim Möhrer aus Singen. Ihr 25-Jähriger Sohn Philipp ist einer der vier jungen Menschen, die in die neue Wohngemeinschaft einziehen. „Das ist ein Leuchtturmprojekt für die Region. Im ländlichen Raum gibt es leider viel zu wenig Angebote für Menschen mit Behinderung, die sich jetzt vielleicht rund um das Haus weiter entwickeln“, stellt Stein fest, „Uns ist es wichtig, dass unser Sohn nicht in der Anonymität der Stadt, sondern in seiner gewohnten Umgebung den Schritt zum Erwachsenwerden gehen kann.“

So könne er seine Eltern nach der Arbeit bei der Lebenshilfe weiterhin auf kurzen Wegen besuchen, sein Ehrenamt im Kindergottesdienst weitermachen oder sonntags zum Gottesdienst laufen – vielleicht sogar in Begleitung der Senioren, die mit im Haus wohnen: „Das ist ein Suchen und Finden für die neuen Bewohner, aber wir hoffen sehr, dass bald Synergien entstehen.“ So könnten ganz neue soziale Kompetenzen entstehen, wenn die jungen von den älteren Bewohnern lernen und sie unterstützen können. „Während Philipp wichtige Schritte zur Selbstständigkeit gehen kann, ist das auch für uns ein komplett neuer Lebensabschnitt, in dem wir als Ehepaar wieder lernen müssen, uns selbst zu organisieren und plötzlich ein, zwei Stunden zu zweit zu haben.“

Bild 1: Auf die Einweihung der neuen Wohngemeinschaften freuen sich der Remchinger Diakonievorsitzende Karl-Heinz Stengel (von links), Ulrich Kammerer und Annette Oeder vom Leitungsteam und Architekt Martin Elsässer. Foto: Zachmann

Bild 2: Auf die Einweihung der neuen Wohngemeinschaften freuen sich der Remchinger Diakonievorsitzende Karl-Heinz Stengel (von rechts), Annette Oeder vom Leitungsteam, Architekt Martin Elsässer, Ulrich Kammerer vom Leitungsteam und der Ehrenamtliche Berthold Laumann. Foto: Zachmann

Bild 3:  Auf die Einweihung der neuen Wohngemeinschaften freuen sich der Remchinger Diakonievorsitzende Karl-Heinz Stengel (von rechts), Annette Oeder vom Leitungsteam, der Ehrenamtliche Berthold Laumann, Ulrich Kammerer vom Leitungsteam und Architekt Martin Elsässer. Foto: Zachmann